Dänische Fußabtreter

Dänische Fußabtreter

Verkannter Humor in einer Übersetzung

Machen wir zu Anfang dieses Textes ein kleines Experiment: Grönkulla, Knutstorp, Billy, Hälsa und Börja – was ist Ihre erste Assoziation mit diesen Worten?

Vielleicht denken Sie an Kindernamen – dem Nachwuchs einen kurzen, skandinavischen Namen zu verpassen, trendet ja schon seit einigen Jahren – oder an ein bekanntes Möbelhaus. Wenn Sie an Ikea dachten – Ihre Assoziation war richtig. Das schwedische Unternehmen ist inzwischen weltweit bekannt für seine Marketingstrategie, Produktplatzierung in internationalen Märkten und den hohen Wiedererkennungswert seiner Produktnamen. Als nicht-Skandinavier haben Sie sich vielleicht vermutlich nie Gedanken darüber gemacht, wie die Namen für Regale, Betten und Co ersonnen werden und ob irgendeine Systematik dahinterstecke.

Diskriminierung bei den Produktnamen

Die Namen seien nicht willkürlich gewählt, behauptete ein dänischer Kommunikationswissenschaftler vor einiger Zeit und – oh Aufschrei! – Ikea diskriminiere auch noch und zwar besonders ein Land: Dänemark. Bei einer Inhaltsanalyse des Katalogs sei Klaus Kjoller von der Universität Kopenhagen aufgefallen, dass Namen schwedischer Orte für hochwertige Produkte wie Polstergarnituren, Bücherregale oder Wohnzimmermöbel verwendet werden, norwegische Orte fänden im Schlafzimmer ihren Platz, die Finnen im Esszimmer und die Dänen müssten sich mit Fußmatten und Teppichen begnügen. Der Wissenschaftler konkludierte: Schweden fühle sich den Dänen überlegen und degradiere das Land zum Fußabtreter.

Die Story ist zu gut und schlug schnell Wellen, vor allem in den internationalen Medien: die taz, The Guardian und The Independent berichteten über Ikeas imperialistische Produktbenennungen.

Nun gibt es ein kleines Problem: Den Wissenschaftler Klaus Kjoller gibt es ZWAR tatsächlich und er hat die oben genannten Aussagen in ähnlicher Form wirklich getätigt – nur handelte es in dem Artikel, den die internationalen Medien als Quelle zu nutzten, um ein humoristisches Stück zwischen einem Journalisten und besagtem Wissenschaftler. Dieser hatte nie eine Ikea-Katalogstudie getätigt, sondern ließ sich aus Spaß in dem Text seines Bekannten aus der Zeitungsredaktion zitieren. Die dänischen Leser erkannten den Text scheinbar auch als nicht ernstzunehmend, denn in den nationalen Medien erregte er kaum Aufmerksamkeit – jedoch in den internationalen.

Übersetzen setzt tiefe Kulturkenntnis voraus

Um einen klassischen Übersetzungsfehler handelt es sich bei dieser Geschichte nicht – die Journalisten der internationalen Medien hatten eindeutig geschlampt und Kjoller nicht selbst, sondern nur Ikea für eine Stellungnahme kontaktiert. Doch zeigt das Beispiel sehr schön, wie viel mehr Übersetzen ausmacht als das reine Übertragen von Worten in eine andere Sprache: Übersetzer müssen viel über die Kulturen wissen, die sie übersetzen, damit ihnen solch subtile und unterschwellige Aspekte wie Ironie nicht entgehen.

Foto: By Hans [Public domain], via pixabay

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