Anglifizierung der Wissenschaftssprachen

Anglifizierung der Wissenschaftssprachen

Die Dominanz des Englischen

Vor knapp 10 Jahren meldeten sich die Verfechter des Deutschen als Wissenschaftssprache noch öffentlich zu Wort und warben für deutsche Publikationen von Forschungsarbeiten. Heute sind diese Stimmen (fast) verstummt. Sie mussten sich der Anglifizierung der Wissenschaftssprache beugen.

Visibilität – das benachteiligte Drittel

Auch wenn es selbstverständlich weiterhin deutsche Journale und wissenschaftliche Verlage gibt, lautet das Stichwort doch „Visibilität“: Wer wahrgenommen und zitiert werden will, muss heute fast zwangsläufig auf Englisch publizieren oder seine Werke übersetzen lassen.

Immerhin, fast ein Drittel der Publikationen in den Naturwissenschaften werden nicht auf Englisch verfasst, fand Tatsuya Amano, Professor der Zoologie an der Universität Cambridge, in einer 2016 durchgeführten Studie abseits seines Faches heraus. Doch diese Werke würden deutlich weniger zitiert und gelesen als englische Publikationen, so mancher wissenschaftlicher Durchbruch bleibt über Monate oder Jahre unentdeckt, indigenes Wissen ginge verloren – bis jemand den Text übersetzt.

„Englisch-Muttersprachler gehen davon aus, dass alle wichtigen Informationen auf Englisch verfügbar sind“, meint er, andererseits sei er als Nicht-Muttersprachler auch Teil des Problems: er ignoriere oft nicht-englische Veröffentlichungen, weil Englisch auch für ihn „erste Priorität“ sei.

Trendwenden in den Wissenschaftsstandorten

Doch es war nicht immer so – immerhin war Deutsch bis zu den beiden Weltkriegen neben Englisch eine der wichtigsten Wissenschaftssprachen weltweit – und vielleicht wandelt sich der Trend auch schon wieder: Gerade erst hat die amerikanische Wissenschaftsstiftung NSF bekanntgegeben, dass China zum ersten Mal mehr akademische Paper publiziert hat als die Amerikaner. Indien überholte Japan und auch in anderen Schwellenländern werden mehr und mehr Forschungsberichte veröffentlicht. China fährt momentan eine zweigleisige Politik – Ergebnisse werden in den landeseigenen als auch englischsprachigen Journalen veröffentlicht.

Mehr Diversität wagen – Vorteile einer muttersprachlichen Wissenschaftssprache

Vielleicht also können sie ihre Stimmen bald wieder erheben, die Befürworter der sprachlichen Diversität in den Wissenschaften. Stützen können sie sich in ihren Argumenten auch auf die Ergebnisse einer Studie unter schwedischen Physikstudenten, die zeigte, dass diese weniger lernten, wenn sie ausschließlich auf Englisch unterrichtet wurden und sämtliche Aufgaben in der Fremdsprache ausführen mussten. Auch die zunehmende „Sprachlosigkeit“ unter Wissenschaftlern, die dank fehlender deutscher Fachbegriffe einem Laienpublikum ihre Erkenntnisse kaum noch darzulegen wissen, könnte ein wichtiger Grund sein, wieder mehrsprachiger zu publizieren.

Laut Amano sind diese neusten Entwicklungen eine große Herausforderung, Wissen weiterhin vielen Menschen zugänglich zu machen. Gleichzeitig sind sie eine große Chance: „Die Überwindung von Sprachbarrieren kann uns helfen, weniger voreingenommenes Wissen zu erlangen und die Anwendung von Wissenschaft weltweit zu verbessern.“

Foto: By Mar Cerdeira on Unsplash

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