Fluchen in Frankreich – über emotionale Distanz bei bilingualen Sprechern

Wie ich fluchen lernte

Ich habe vieles während meiner Au-pair-Zeit in Frankreich gelernt, vor allem aber eines: das Fluchen.

Meine Eltern hatten eine Nulltoleranzpolitik gegenüber Schimpfworten und so ging es mir in Fleisch und Blut über, mich auf Deutsch immer korrekt auszudrücken. Na ja, fast immer – rutschte mir doch mal ein solches Unwort heraus, nagte gleich das schlechte Gewissen an mir, selbst wenn meine Eltern nicht anwesend waren!

Das änderte sich, als ich nach dem Abitur einen Job als Au-pair-Mädchen in einer französischen Familie antrat, in der Schimpfwörter zum guten Ton gehörten. Vor allem beim Autofahren. Zugegebenermaßen fahren die Franzosen oft wie die Verrückten; Gründe zu fluchen gibt es also genug.

Die meisten der ausgestoßenen Flüche meiner Au-pair-Eltern waren unbekannte Vokabeln für mich, doch seltsamerweise konnte ich mir diese – im Vergleich zu vielen anderen Worten – sehr schnell merken und auch anwenden. Einmal erwischte ich mich dabei, wie ich das Autofenster herunterließ, um einen anderen Fahrer, der mir die Vorfahrt genommen hatte, zu beschimpfen. Was war los mit mir? Wie konnte ich auf Französisch Worte aussprechen, die ich mir auf Deutsch nie über die Lippen gekommen wären? Zwar mäßigte ich meine Worte nach diesem Vorfall, doch die Schimpferei hielt auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland an.

Emotionale Distanz bei bilingualen Sprechern

Mehr als 10 Jahre nach meinem Au-pair-Aufenthalt fluche ich inzwischen häufiger – aber stets in einer Fremdsprache. Damit bin ich nicht die einzige. Wissenschaftler der Universitäten Boston und Glasgow forschen zur emotionalen Distanz bilingualer Sprecher und konnten anhand verschiedener Experimente zeigen, dass es bilingualen Sprechern leichter fällt, bestimmte Dinge in der erlernten Zweitsprache auszusprechen als in ihrer Muttersprache. Grund dafür ist eine weniger starke emotionale Verbindung zur Nicht-Muttersprache.

So beschreibt die polnisch-amerikanische Schriftstellerin Eva Hoffmann das Dilemma der Sprachwahl für ihre Memoiren. Sie entschied sich für Englisch, obwohl es nicht „die Sprache des Selbst“ sei, es ihr aber ermöglichte, ihre Holocaust-Vergangenheit und ihren Neuanfang in Nordamerika zu entpersonalisieren. Was Forscher den „Fremdsprachen-Effekt“ nennen, kann im positiven Falle dazu führen, dass Mehrsprachler rationalere Entscheidungen in ihrer Fremdsprache treffen und sich emotional vom Inhalt ihrer Rede distanzieren können; im negativen Falle, zum Beispiel beim Aussprechen unpassender Schimpfwörter oder Tabuthemen, kann die emotionale Distanz inadäquat auf Muttersprachler wirken und dazu führen, dass der bilinguale Sprecher sozial isoliert wird.

Wie es zu dieser emotionalen Distanz beim Sprachgebrauch kommt und ob ihr Grad vom Alter des Erlernens abhängt – das sind nur zwei der Fragen, mit denen sich Wissenschaftler derzeit auseinandersetzen. Denn bisher wissen wir wenig über die Auswirkungen dieser emotionalen Distanz von bilingualen Sprechern auf ihr eigenes Erleben der Welt und das ihrer Umwelt. Ein spannendes Thema, gerade in unserer Zeit, in der mehr und mehr Menschen tagtäglich mit zwei oder mehr Sprachen zu tun haben.

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