Bedrohte Sprachen

Warum es sich lohnt, sprachliche Vielfalt zu schützen

Ihr Tod kam nicht überraschend: Als Marie Smith Jones im Januar 2008 im Alter von 89 Jahren starb, war sie blind und vom Leben gezeichnet. Dennoch war ihr Ableben eine Zäsur – nicht nur für ihr Dasein, denn Jones war die letzte muttersprachliche Sprecherin der Eyak-Sprache.

Die Eyak sind eine indigene Bevölkerungsgruppe in Alaska. Mit Marie Smith Jones Tod starb nicht ihr ganzer Stamm aus, 428 englischsprechende Eyak-People überlebten sie. Nun stellt sich die Frage, warum wir einer Sprache nachweinen sollten, von der die meisten von uns noch nie gehört haben werden und die ganz offensichtlich nicht mehr gebraucht wird.

Pragmatisch betrachtet dienen Sprachen der Verständigung zwischen Lebewesen und den Eyak scheint es keinen Abbruch getan zu haben – sie kommunizieren ja, zwar nicht auf Eyak, dafür auf Englisch. Ohnehin sind Sprachen nicht statisch, sondern immer dynamisch: Sie verändern sich mit ihren Sprechern und den Gegebenheiten, auf die sie sich beziehen und die Geschichte hat gezeigt, dass Kulturen und ihre Sprachen verschwanden, neue entstanden. Stellt das Ableben der Eyak-Sprache also nicht einen ganz normalen Prozess unserer sozialen, sich ständig ändernden Welt dar?

Internationaler Tag der Muttersprache

Heute ist Internationaler Tag der Muttersprache, ein von der UNESCO ins Leben gerufener Gedenktag zur „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“. Weltweit werden schätzungsweise 7.000 verschiedene Sprachen gesprochen, doch die die UNESCO warnt, dass am Ende des 21. Jahrhunderts die Hälfte dieser Sprachen ausgestorben sein könnten – wenn wir sie nicht schützen. Denn der beschleunigte Verfall solch großer sprachlicher Vielfalt der letzten Jahrzehnte entspräche nicht der historischen Norm. Vor diesem Hintergrund rief die UN-Organisation diesen Gedenktag ins Leben.

Stellen wir also die oben gestellte Frage noch einmal: Warum sollten wir uns um den Schutz von vom Aussterben bedrohter Sprachen bemühen?

Wir wissen nicht, was wir verlieren.

Vielleicht erinnert Sie die Wortwahl an bedrohte Tier- und Pflanzenarten – und die Analogie ist nicht schlecht. Im Zuge des Klimawandels und der zunehmenden Weltbevölkerung verlieren laut der Meinung vieler Wissenschaftler immer mehr Tiere ihren Lebensraum und sind so vom Aussterben bedroht. Der linguistische Anthropologe K. David Harrison weist auf eine ähnliche Entwicklung unter Sprachen hin. Die Hälfte der Weltbürger ist Muttersprachler in einer der 50 am meisten gesprochenen Sprachen; die andere Hälfte spricht die verbleibenden 6950 Sprachen. Oft handelt es sich dabei um kleine Gruppen von einigen Hunderten, einigen Tausenden Sprechern, die, wie das Beispiel von Marie Smith Jones zeigt, zunehmend kleiner werden.

Durch den Klimawandel, zunehmende Urbanisierung und Globalisierung bedingt verlieren eingeborene Bevölkerungsgruppen ihren Lebensraum oder verzichten freiwillig auf ihre Muttersprache zugunsten einer anderen Sprache, die soziale und ökonomische Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Beides passt auf das Leben der Marie Smith Jones: Das Leben ihres Stammes war traditionell durch ihren Lebensraum am Copper River bestimmt. Umweltverschmutzungen, Epidemien und staatliche Eingriffe auf ihren Landbesitz führten jedoch dazu, dass die Zahl der Eyak sich immer weiter dezimierte und die Stammesmitglieder immer weniger ihrer ursprünglichen Lebensweise nachgehen konnten. Jones sah diese Entwicklung und erzog keines ihrer neun Kinder in ihrer eigenen Muttersprache. Ihre Kinder sollten gute Schulen besuchen, die Möglichkeit haben, überall einen Beruf ausüben zu können.

Sprachliche Anpassung für bessere Zukunftschancen

„Eltern indigener Gruppen wünschen sich das für ihre Kinder, was sich alle Eltern für ihre Kinder wünschen: dass sie erfolgreich sein und die Möglichkeit auf soziale Mobilität haben werden“, sagt Sprachwissenschaftler Michael Gavin in einem TED Talk. Dies bedeute oft den Verzicht auf die eigene sprachliche Herkunft und eine Anpassung an sprachlich dominante Strukturen.

Ebenso wie wir nur erahnen können, wie das Aussterben heute bedrohter Tierarten sich auf das ökologische Gleichgewicht auswirken kann, wissen wir nicht, was wir durch den Verlust sprachlicher Diversität verlieren, welches Wissen, welche kulturellen Schätze für immer verloren gehen. Denn Sprachen sind viel mehr als die Summe einzelner Worte. Sie sind Ausdruck einer Lebensweise, sie sind identitätsstiftend und Träger von Wissen.

Jeder, der mehr als eine Sprache beherrscht, wird das Problem kennen: es gibt bestimmte Wörter, Konzepte, die sich nicht in eine andere Sprache übertragen lassen. Mit Jones ist zum Beispiel die Unterscheidung zwischen demex’ch (ein Eisloch aufgrund von morschem Festeis) und demex’ch’lda’luw (einem tückischen Loch im Packeis) deutlich schwieriger geworden. Viele eingeborene Völker leben und lebten traditionell in enger Verbindung mit ihrer natürlichen Umgebung. Eine nicht unerhebliche Anzahl neuentdeckter Arten waren vermutlich gar nicht unbekannt, meint Anthropologe Harrison, sondern nur uns westlichen Wissenschaftlern kein Begriff, weil wir die Sprache und das in ihr verankerte Wissen der Menschen, die sich das Habitat mit den Neuentdeckungen teilen, nicht verstehen.

Wie können wir Sprachenvielfalt schützen?

Laut der UNESCO ist die Wahl der Muttersprache ein kulturelles Menschenrecht. Auf politischer Ebene sollten vor allem Bildungsinstitutionen dieses Recht respektieren und qualitativ hochwertige Bildungsmöglichkeiten eröffnen, empfiehlt die Organisation. Bürger können Interesse und Anerkennung für Mehrsprachigkeit zeigen, vor allem von Sprechern wenig verbreiteter Sprachen

Viele der heute vom Verfall bedrohten Sprachen existieren nur in mündlicher Form. Das erschwert ihren Schutz und ihre Konservierung. Sie zu verschriftlichen oder ein Audio-Wörterbuch anzulegen ist eine Form des Schutzes, wie es übrigens im Falle der Eyak in den Jahren vor Jones Tod geschah. Die Eyak-Sprache kann also heute bedingt als Fremdsprache erlernt werden.

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