Kinder als Sprachmittler

Dolmetschen für die eigenen Eltern

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Aufenthaltsgestattung und einer Duldung? Und was bedeuten diese Begriffe im Arabischen? Schon ein nicht-spezialisierter Übersetzer müsste sich dazu informieren, doch Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien sind oft mit solchen und anderen „Erwachsenenfragen“ konfrontiert, wenn sie für ihre Eltern und Verwandten als Dolmetscher fungieren.

Die unsichtbare Spracharbeit

Kinder lernen Sprachen meist schneller als Erwachsene. Wenn ganze Familien ohne oder mit nur geringen Kenntnissen einer Sprache in ein neues Land migrieren, sind es häufig die Kinder, die ihren Eltern die neue Welt erklären. „Unsichtbare Spracharbeit“ von minderjährigen Laiendolmetscher nennt Vera Ahamer dieses Phänomen in ihrer Studie.

Neu ist das Phänomen nicht – weder in Deutschland, noch in anderen Ländern. Im englischsprachigen Raum haben diese Kinder und Jugendlichen sogar einen eigenen Namen: Language Broker, also Sprachmittler. Weder für Polizisten, Lehrer, Behördenmitarbeiter oder Ärzte ist es ungewöhnlich, wenn Kinder zwischen ihnen und den eignen Eltern sprachlich vermitteln – über Inhalte, die meist alles andere als kindertauglich sind.

Das Sprachtalent der Kinder

Wie eignen sich Kinder komplexe Sachverhalte und Dolmetschfähigkeiten an? Wie bringen sie einem Elternteil eine schwere Krankheitsdiagnose bei und wie fühlen sie sich, wenn sie beim Elternsprechtag in der dritten Person über sich sprechen müssen?

Welcher Techniken genau sich die Kinder in ihrer Sprachvermittlung bedienen, lässt sich nicht sagen, weil wohl jedes Kind eigene Strategien entwickelt und das Feld zudem zu wenig erforscht ist. Fehler sind in den Übersetzungen der Kinder natürlich nicht ausgeschlossen, doch selbst Grundschulkinder zeigten in Tests schon erstaunliche Fähigkeiten und eine hohe Treffsicherheit in den Inhalten: Sie umschrieben Worte, für die ihnen die entsprechende Vokabel fehlte und brachen komplexe Sätze in kürzere Sequenzen auf.

Eine besondere Rolle für die Entwicklung

Der griechischstämmige Soziologe Vassilis Tsianos wuchs, unfreiwillig, als ein solcher Kinderdolmetscher in Deutschland auf. Er habe sich sehr verantwortlich für seine Eltern gefühlt und Angst gehabt, etwas falsch zu verstehen und auszudrücken, vor allem in Gesundheitsthemen. Es habe ihm jedoch auch ein anderes Selbstwertgefühl gegeben. „Es ist ein sehr schönes Fünf-Minuten-Erwachsenengefühl”, sagt er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Seine kindlichen Dolmetschdienste haben das Verhältnis und den gegenseitigen Respekt zwischen ihm und seinen Eltern gestärkt. Studienergebnisse aus den USA zeigen jedoch auch, dass sie zu starken Konflikten, Machtkämpfen oder psychischen Problemen seitens der Kinder führen können. Auf der positiven Seite zeigten Langzeitstudien, dass die Sprachmittler im Vergleich mit anderen Kindern überdurchschnittlich hohe soziale Fähigkeiten besaßen, also gut kommunizieren und auf ihr Gegenüber eingehen konnten und meist auch bessere Noten schrieben.

Vielen macht es sogar Spaß, den Eltern zu helfen und so manches Dolmetschkind wurde zum professionellen Dolmetscher im Erwachsenenalter.

Kinderdolmetscher – Kinder als Sprachmittler | Lennon.de | Kind zwischen Erwachsenen

Photo by Les Anderson on Unsplash

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